Townsville und die Reisemüdigkeit

Eine Pause, das brauchten wir. Ein Ort, ein Bett, wenn möglich eine richtige Küche und brauchbares Internet. Mehr wollten wir nicht. Und an Reisemüdigkeit hatten wir zu diesem Zeitpunkt gar noch nicht gedacht. Seit unserem letzten längeren Aufenthalt an einem Ort – zwei Wochen auf Bruny Island – waren neun Wochen Roadtrip verstrichen. Nur in Melbourne und in Noosa verbrachten wir mehrere Tage am Stück.

Eine Pause war mehr als fällig. Wo und wie konnten wir also günstig ein, zwei Wochen bleiben? Housesitting kam uns relativ schnell in den Sinn. Bereits zu Beginn unserer Reise wussten wir, dass wir das mal ausprobieren wollen.

Housesitting, kennst du nicht? Es ist quasi Rollentausch für Reisende. Ein Hausbesitzer verreist für mehrere Tage, Wochen, Monate und möchte, dass jemand in dieser Zeit auf sein Haus/Hund/Hamster/Garten aufpasst. Auf einer entsprechenden Plattform inseriert er sein Anliegen, du als Housesitter kannst dich auf die Stelle bewerben. Beide Seiten müssen für die Interaktion eine kostenpflichtige Mitgliedschaft haben. Tipp: Ein paar Referenzen in deinem Profil sind für eine erfolgreiche Bewerbung ganz nützlich; nur doof, wenn du es zum ersten Mal machst. Du kannst dir Referenzen aber auch von Nicht-Mitgliedern einholen. Wir haben z.B. mit unseren Kontakten in Tasmanien gemacht.
Die bekannteste Plattform für Housesitting ist trustedhousesitters.com. Wenn du dich mit diesem Link anmeldest, erhältst du 20 Prozent Rabatt auf dein Abo. Und wir erhalten eine Verlängerung!

Anyway. Wir schauten uns also im Internet für ein passendes Housesitting um. Und wir hatten Glück. Zwei Wochen in Townsville. Bingo! Trotz kurzfristiger Anfrage klappte es. Und nach unserer Wanderung auf Fraser Island hatten wir genügend Zeit, um die 1’200 Kilometer bis nach Townsville zu fahren.

Hallo Komfortzone

Wir waren dann bereits zwei Tage vor dem eigentlichen Housesitting bei unserer Gastgeberin. Sie wollte uns kennen lernen, bevor sie mit ihren Kindern für zwei Wochen in die Ferien fuhr. Und natürlich mussten wir in unsere Pflichten eingewiesen werden! Die waren: auf einen hyperaktiven, Ball versessenen und im Garten lebenden Hund namens Parker aufpassen, nicht zwingend Gassi gehen (haben wir natürlich getan), der Eidechse (bearded dragon) beim Winterschlaf zuschauen und uns an Eiswürfel in unseren Getränken gewöhnen. Ach ja, und bitteschön die Filmsammlung zu Gemüte führen. Wenn’s weiter nichts ist!

Townsville-Reisemüdigkeit-2

Parker

Die nächsten zwei Wochen suhlten wir uns also wieder einmal in unserer Komfortzone und machten all die Dinge, die wir auf Reisen nicht so oft tun. Nadine heizte den Ofen tüchtig ein, wir schauten Filme, Philippe spielte auf der Playstation und wir mussten ausser fürs Gassigehen und Einkaufen nicht zwingend raus. Zwei Wochen lang mussten wir nicht nach einem Übernachtungsort oder einer Dusche suchen und keine Strassenkarten und Touristenbroschüren lesen. Halleluja!

Checkliste

Hört sich toll an, nicht? War es auch, nur gehören wir zur Sorte Leute, die gerne Checklisten machen, mit Dingen, die sie noch erledigen müssen. Anstatt zwei Wochen wirklich faul auf der Haut zu liegen haben wir uns all den Dingen angenommen, die wir auf Tour nicht machen können/wollen/müssen. Dazu gehörten natürlich die oben erwähnten Dinge aus der Komfortzone, aber auch administrativer Kram, Mitsy Kram (Service, neue Sicherheitsgurte), reisetechnischer Kram (z.B. weiter Planung), Internet Kram, Kram der erst in ein paar Monaten wichtig wird und natürlich Blog Kram! Wir stopften die Tage mit all diesem Kram voll, da wir im Reisemodus ja wieder mit anderem Kram beschäftig sein würden.

Unsere Hirne liefen auf Hochtouren, anstatt sich mit einfachen Fragen der Komfortzone wie „Soll ich jetzt Call of Duty oder Lego Superheroes spielen?“ und „banana bread oder doch ANZAC cookies backen?“ auseinanderzusetzen.

Das Abhaken der Checkliste war als solches auch nicht das Problem. Die meisten Sachen wollten wir ja erledigen. Ein Grossteil davon betraf unser „Projekt“ in Neuseeland, dass wir Ende Oktober starten werden (mehr dazu demnächst). Und wie es halt so ist, wenn man sich für etwas Neues begeistert, man wendet seine Zeit dafür auf.

In diesem Geisteszustand – man könnte auch tunnel mode sagen – geht aber das ein oder andere vergessen. Wie z.B. die eigene Bedürfnisse, das Hier und Jetzt und unsere emotionale Verfassung. All das ereilte uns am Abreisetag in einem Nationalpark an einem wunderschönen Fluss.

Townsville-Reisemüdigkeit-1

Townsville

Reisemüdigkeit?

Wir sassen da also auf einem Felsen, unter uns das kristallklare Wasser, in dem Fische und Schildkröten schwammen, und dachten: „Alles ist doof. Fische doof, Wasser doof, du doof, ich doof.“

Townsville-Reisemüdigkeit-3

Doofe Fische. Coole Schildkröte

War das ein akuter Fall posttraumatischer Belastungsstörungen, ausgelöst durch häusliches Wohnen? Nach einem Tag depressiven Hirnens über die eigene Existenz und des Sinn des Ganzen war das Resultat klarer: Reisemüdigkeit!?

Früher oder später trifft es die meisten Langzeitreisenden und ist wahrscheinlich nur für wenige verständlich. In dem Blogpost „Reiseloch“ habe ich die Reisemüdigkeit bereits in einer milden Version beschrieben. Ein Orts- bzw. Landwechsel schafft meistens Abhilfe. Aber ist es diesmal – nach 15 Monaten Reisen – das gleiche oder was anderes?

Unsere Reisemüdigkeit würde ich folgendermassen beschreiben:

  • Übersättigt von zu vielen Eindrücken und Erlebnissen
  • Lustlosigkeit
  • Alles wiederholt sich: eine Wanderung, eine Stadt, ein Strand etc.
  • Geistig und körperlich erschöpft
  • Niedrige Toleranzschwelle
  • Ziellosigkeit
  • Decision fatigue – Entscheidungsmüdigkeit

 Gratulation! Sie haben alle Kriterien für eine Reisemüdigkeit erfüllt.

Was wir vor und in Townsville lediglich für ein Bedürfnis nach einer kurzen Pause hielten, war unterschwellig viel grösser gewesen. Insbesondere die sog. decision fatigue hätte uns einen entscheidenden Hinweis liefern sollen. Schon vorher hatten wir vermehrt Mühe, eine Entscheidung zu treffen und gerieten wegen jeder kleinen Entscheidung ins Stocken oder in Streit.

Der Drive war uns also schon vorher ausgegangen doch etwas blockierte das Zustandekommen dieser Erkenntnis. Das Verlangen, noch mehr zu sehen. Und das haben wir noch immer. So paradox es klingt, und obwohl wir jetzt wissen, dass wir des Reisens gerade müde sind, wir wollen mehr sehen, mehr von Australien. Dieses Verlangen hat viel Einfluss auf unsere Entscheidungen und ist Grund dafür, dass wir noch immer on the road sind.

Trotz Reisemüdigkeit weiterreisen?

Die Erkenntnis Reisemüdigkeit erreichte uns zu Beginn eines Reiseabschnitts entlang der Ostküste von Townsville hinauf zum Cape Tribulation und wieder retour. Zwei Wochen hatten wir für die Strecke Zeit. Erst danach konnten wir für eine Wanderung (Thorsborne Trail) nach Hinchinbrook Island, wofür man eine Erlaubnis benötigt. 40 Wanderer auf der Insel pro Tag sind zugelassen. Diese zwei Wochen machten die ganze Angelegenheit nicht einfacher. Wir waren es uns nämlich gewohnt, nach Lust und Laune zu reisen. Manchmal schneller, selten langsamer. Aber eben: wir wollen unbedingt diese Wanderung machen. Und wir wollen das Outback sehen. Und wir wollen den Uluru sehen. Und all die Wanderungen in der Wüste. Und, und, und.

Ist es gescheit, weiterzureisen, obwohl wir wissen, dass wir gerade etwas anderes brauchen? Eher nicht. „Seid ihr doof!“ Ja, manchmal. Darum machen wir eine Art Kompromiss und verkürzen den Roadtrip Australien ein wenig. Anstatt nur den Oktober an einem Ort (wahrsch. Tasmanien) zu verbringen, wird es auch noch der September sein. Aufschub, Aufschub!, höre ich es rufen. Aber eben, da ist noch das Verlangen noch mehr von Australien zu sehen. Darum denken wir, dass ein Ortswechsel (Outback, Wüste) und ein paar persönliche Highlights (Uluru, Wanderungen, Sonnenuntergänge) auf der Strecke helfen werden, die Reisemüdigkeit in Schach zu halten.

Was denkst du? Ein Kommentar, ein Gedanke, was auch immer, freut uns.

4 Comments

  • Reni sagt:

    Hallo ihr Zwei,

    Zuerst grad mal danke für eure Offenheit.

    Ach…. das kommt mir ja sowas von bekannt vor. Ja, es passiert dann einfach. Ohne Vorwarnung. Oder man will die Zeichen eben nicht wahrhaben. Und doch ist der Drang noch mehr zu sehen da. Ich glaube sogar, wenn die Reisemüdigkeit auftritt will man sogar noch mehr sehen.
    Also wenn ich meinen Senf dazugeben darf.

    Ja, geht ins Outback. Da gibts viel Natur und Landschaft. Oft keine andere Attraktionen, nur 1 Roadhouse und gratis Campen im Bush. Es gibt um Outback viel weniger Entscheidungen zu treffen, weils einfach weniger gibt. Wir lieben ja das Outback über alles. Genau drum. Der Ort zum Entschleunigen und die Reisemüdigkeit loszuwerden

    Liebe Grüsse und bin gespannt, wann’s das erste Foto vom “Amazing Rock”, dem Uluru von euch zu sehen gibt.

    Take care & keep on travelling,
    Reni

    • Philippe sagt:

      Hallo Reni. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Outback einen Entschleunigungsfaktor mit sich bringt. Viele Australien Reisende kommen ja mit der “Eintönigkeit” gar nicht klar. Wir freuen uns jedenfalls schon darauf. Und auf ein paar Wandertage und die Sonnenuntergänge 😀
      Unsere Wanderung auf Hinchinbrook Island hat uns sicher auch sehr gut getan. Einsame Aufenthalte auf einer Insel haben das so an sich 😉 Eine vollständige Genesung streben wir dann spätestens bei unserer temporären Häuslichkeit an.
      Bilder gibt es bestimmt.
      Liebe Grüsse
      Philippe

  • Felix sagt:

    Hey ihr 2. Ich bin durch Twitter auf euren Blog gestoßen.
    Ich studiere hier in Townsville 4 Monate.

    Was ich euch mal fragen wollte, wo ich das mit der Reisemüdigkeit lese: Hattet ihr Anfangs dann auch diesen “Culture Shock” als ihr hier in Australien angekommen seid?

    • Philippe sagt:

      Hallo Felix
      Freut mich, dass du über Twitter auf uns gestossen bist. Auf FB sind wir übrigens ein bisschen aktiver 😉
      Zu deiner Frage: Nein, wir hatten keinen Kulturschock. Im Gegenteil, nach 4 Monaten in Südostasien freuten wir uns wieder auf westliche Kultur. Wir fühlten uns jedenfalls pudelwohl, als wir in Tasmanien starteten. Wir hatten damals eher einen Kälteschock, da es zuvor in Bangkok und auf Koh Chang +30° war. Vor 6 Jahren reisten wir während 7 Monaten in Neuseeland. Kiwis und Aussis sind sich kulturell nicht so fremd. Vielleicht half dies auch ein bisschen. Wir mögen jedenfalls beide Länder sehr.
      Die Reisemüdigkeit würde ich auch nicht direkt auf Australien beziehen. Es ist ein allgemeiner Zustand, der unabhängig vom Land/Kontinent eintreten kann.
      Beste Grüsse
      Philippe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.