Und dann waren wir wieder da – unsere Rückkehr nach zwei Jahren Reise

Im April 2016 kehrten wir nach rund zwei Jahren Reisen wieder in die Schweiz zurück. Wir kamen an, so wie wir damals aufbrachen: mit dem Zug und ohne grosse Fanfaren. Haben wir uns gefreut, wieder „nach Hause“ zu kommen? Quält uns bereits wieder das Fernweh? Wie fühlt sich eine Rückkehr nach einer Langzeitreise an? Wie nach jeder unserer Reiseetappen (Europa, Südostasien, Australien, Neuseeland – Te Araroa) und nach einem Jahr auf Reisen möchten wir es nicht versäumen, auch nach Abschluss unserer ganzen zweijährigen Reise ein Fazit zu ziehen.

Reisen ohne Ende bis das Geld ausgeht

Als wir im April 2014 den Nachtzug nach Berlin bestiegen, wussten wir nicht, wie lange wir fort sein würden. Unsere Jobs waren gekündigt, unsere Wohnung aufgelöst, unser Hab und Gut bei Familie und Freunden eingelagert.

Unsere ganzen Kisten haben wir nummeriert und uns eine ausführliche Inventarliste angelegt. Falls wir irgendwo würden bleiben wollen, hatten wir so die Möglichkeit, uns gezielt einzelne Kisten zustellen zu lassen. Viel Organisation, die wir am Ende doch nicht benötigten.

Es war nicht so, dass es uns nirgends so gut gefallen hätte und wir uns ein Leben ausserhalb der Schweiz nicht vorstellen könnten. Im Gegenteil. Neuseeland und Tasmanien stehen auf unserer Liste von möglichen Wohnorten im Moment ganz oben. Irgendwann möchten wir im Ausland leben und arbeiten (Ja, nicht nur reisen). Aber vorerst haben wir Anderes vor. Die zwei Hauptgründe für unsere Rückkehr in die Schweiz waren mein Studium (ich habe es vor der Reise unterbrochen und möchte es nun gerne abschliessen), sowie unsere fast leeren Bankkonti. Und in der Schweiz ist Studieren günstiger als im Ausland, Arbeiten ertragreicher und ein soziales Sicherheitsnetz (liebe Eltern) da.

Unser altes Leben holt uns ein

Die ersten Tage nach unserer Rückkehr in die Schweiz kamen wir bei der Familie unter. Auch nach zwei Jahren hätte ich blind sagen können, dass ich das Haus meiner Eltern betrat. Der Geruch und die Atmosphäre sind tief im Gedächtnis verankert.

Doch bald konnten wir unser eigenes Zuhause beziehen: das leerstehende hundertjährige Haus von Philippe’s Grossvater in der Agglomeration von Zürich.

Die Grösse (vier Stockwerke inkl. Keller und Dachstock) überwältigte uns anfangs ein wenig, hausten wir doch lange Zeit im Zelt, in einem Campervan oder mal im Doppel- oder Mehrbettzimmer. Doch wie wir halt sind, wir gewöhnten uns schnell daran und fühlten uns bald wohl.

Bild-3-Kisten-Auspacken

Philippe beim Auspacken

Nun begann die Spurensuche nach unserem alten Selbst. Die Umzugskartons auszupacken war surreal. Hatten wir wirklich so viel Zeugs? Ein bisschen war es wie Geschenkeauspacken. Denn natürlich konnten wir uns nicht an alle einzelnen Gegenstände in den Kisten erinnern.

Wir feierten freudige Wiedervereinigungen mit Stofftieren, bestaunten unsere Auswahl an Gläsern (Wassergläser, Weingläser, Biergläser, Shotgläser, Champagnergläser, Schnapsgläser (?)) und wunderten uns über manche Kleidungsstücke.

Einige Gegenstände liessen wir bewusst verpackt. Sollten wir sie während einiger Wochen nicht herausholen, kommen sie fort ins Brocki. Wir überlegten uns auch ein System für unsere Kleidung. Wir legen nur Kleidungsstücke, die wir getragen haben, in den Kleiderschrank. Der Rest bleibt in der Kiste. Was nach einigen Wochen noch immer in der Kiste liegt, werden wir wohl auch zukünftig nicht tragen und können wir guten Gewissens weggeben.

It’s a funny thing coming home. Nothing changes. Everything looks the same, feels the same, even smells the same. You realize what’s changed is you.

– Scott Fitzgerald

Wir haben gelernt, mit wenig auszukommen und möchten diese Einstellung auch zu Gunsten von Minimalismus und Simple Living beibehalten. Denn etwas lernten wir nach unserer Rückkehr in die Schweiz schnell: Die riesige Auswahl an Möglichkeiten ermüdet.

Entscheidungsmüdigkeit

Überwältigt waren wir nicht nur von der Grösse unseres neuen Hauses, sondern auch von der Vielzahl an Entscheidungen, wie wir treffen mussten. Auf der Reise trafen wir zwar auch viele Entscheidungen, doch hatten diese meist nur kurzzeitigen Einfluss und betrafen nur uns zwei. Doch nun ging es um mehr: Studieren, Wohnen, Arbeiten, Versicherungen, Handyabonnements, Abonnemente für öffentlicher Verkehr, soziale Kontakte abstimmen, Treffen planen, etc. Entscheidungen über Entscheidungen. Mit klaren To-Do Listen und der Einstellung „Eines nach dem Anderen“ versuchen wir, der Flut von Entscheidungen Herr zu werden.

Weitere Herausforderungen einer Rückkehr

„Warum kann es nicht einfach einfach sein?“ Die Komplexität und vielen Abhängigkeiten des Alltages überraschten uns. Wir konnten bei Weitem nicht mehr so egoistisch und nonkonform sein, wie wir uns das in den letzten zwei Jahren gewohnt waren. Entscheidungen hatten weitreichende Folgen und plötzlich befanden sich Leute um uns, deren Gefühle uns wichtig waren und deren Terminkalender mit unserem abgestimmt werden musste.

Ausserdem merkten wir schon bald, wie sich unsere Perspektiven und Fokusse wieder verschoben. Vor der Rückkehr hatten wir viele Ideale und Ideen, die wir umsetzen wollten. Wir machten uns viele Gedanken dazu, was uns an unserem vorherigen Leben nicht ganz passte, was wir vermeiden wollen oder womit wir unser Leben bereichern wollen. In der Schweiz mussten wir manche Aspekte zuerst einer Realitätskontrolle unterziehen. Einiges mussten wir anpassen oder (für den Moment) zur Seite legen.

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Kurzer Wanderausflug in den Kanton Jura

Diese Einsichten nun nicht im Strudel der Normalität, in der Flut von Anforderungen und der Last der Vorstellungen anderer zu verlieren, ist eine grosse Herausforderung. Wir versuchen, uns einen gewissen Egoismus und Nonkonformismus beizubehalten.

In der Gemeinschaft ist es leicht, nach fremden Vorstellungen zu leben. In der Einsamkeit ist es leicht, nach eigenen Vorstellungen zu leben. Aber bemerkenswert ist nur der, der sich in der Gemeinschaft die Unabhängigkeit bewahrt.

– Ralph Waldo Emerson

Und immer mal wieder machte sich Fernweh bemerkbar. Beim Durchschauen der Fotos, bei drohender Überforderung aufgrund trivialer Zeitfresser, beim Blick aus dem Fenster zum grauen Himmel, beim Fahren in überfüllten Zügen. „Können wir nicht einfach wieder gehen?“

Eine weitere Herausforderung: Das Wetter. Auf der ganzen Reise hatten wir nicht so schlechtes Wetter. Die letzten Wochen waren überwiegend grau und nass. Da kriegt man schnell den Koller, vor allem wenn man zuvor so viel draussen war und unternommen hat. Nun verbringen wir mehr Zeit drinnen, am Computer (Fotos editieren, Stellensuche), am Einrichten. Die täglich neuen Eindrücke fehlen uns. Wir hoffen auf baldige schönere Tage, schliesslich haben wir einen Garten und frisch gepflanztes Gemüse und Beeren, dessen Wachsen und Gedeihen wir beobachten wollen.

Bild-6-Brombeerblüten

Brombeerblüten und fleissige Biene in unserem Garten

Hat sich die Schweiz verändert oder wir?

Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass sich die Schweiz während unserer Abwesenheit nicht gross verändert hat. Doch einige kleine Dinge sind uns dann doch aufgefallen:

  • In der Gemeinde, wo ich aufwuchs, und in vielen anderen Orten auch, wurden ganze Hänge zugebaut.
  • Der Hauptbahnhof in Zürich ist neu und die Zuglinien und -nummern haben sich geändert (wir fühlen uns jetzt am Bahnhof wie Touristen). Wenigstens die Ticketautomaten und das SBB-App funktionieren noch gleich.
  • In vielen Orten zahlt man für die WC-Nutzung 1 CHF! Ein Rückschritt für die Schweiz.
  • Die Produkte in den Supermärkten wurden nachhaltiger aber auch internationaler.
  • Schweizer (oder zumindest diejenigen aus dem Flachland) wirken gestresst und rücksichtslos. Sie hasten durch Bahnhöfe und über Strassen, ohne einen Blick nach links und rechts zu werfen. Sie hupen, sobald sich ein anderer Fahrer zu lange Zeit nimmt, um anzufahren. Sie drängen sich in Züge, ohne Passagiere aussteigen zu lassen.
  • In Zürich wurde ich zufälligerweise Zeugin eines Vorstellungsgesprächs in einem Restaurant. Der Arbeitgeber versuchte, sich gut darzustellen: „we don’t wear you out so quickly…“. Also wird man früher oder später ausgelaugt (nur nicht überall gleich schnell)? So läuft das heute in Zürich?
  • Uns fällt nun auf, wie viele Campervans und Wohnmobile herumfahren. Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich unser Blick auf unsere Umgebung verändert hat. Wir bemerken, ob viele oder wenige Vögel zwitschern, wie der Sommer langsam Einzug hält, wie sich die Leute verhalten.

FAQ nach unserer Rückkehr

  • Seid ihr gewachsen?
    Ähm, nein. Trügt die Erinnerung? Wirken wir selbstsicherer? Haben wir dank der Fernwanderung eine bessere Haltung?
  • War es schön?
    Darum waren wir auch zwei Jahre lang unterwegs. Natürlich war es schön! Es war der Wahnsinn!
  • Wie fühlt es sich an, wieder hier zu sein?
    Zeitweise, als wären wir nie weggewesen, zeitweise als wären wir gar noch nicht hier.
  • Was macht ihr jetzt?
    Studieren (bald), Arbeiten/Stellen suchen, Geld verdienen, Gärtnern, unsere eigenen vier Wände geniessen, Zeit mit Familie und Freunden verbringen, Backen, Kochen, Lesen, neugewonnene Einsichten und Einstellungen nicht verlieren, nächste (kurze) Ausbrüche planen.
  • Wo wohnt ihr?
    In der Agglomeration von Zürich (so „schön“ wie es sich anhört), in einem Haus im Familienbesitz mit Garten (yay!).
  • Wo hat es euch am besten gefallen?
    Die Favoriten unserer Reise: Neuseeland, Tasmanien, Norwegen. Aber alles hatte seinen Reiz und seine schönen Seiten.
  • Jetzt bleibt ihr aber hier, oder?
    Joa, für eine Weile…

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5 Comments

  • Marc sagt:

    Hallo ihr Zwei!
    Schöner Artikel übers “Heimkehren”! Beim Satz “Schweizer (oder zumindest diejenigen aus dem Flachland) wirken gestresst und rücksichtslos.” musste ich lachen! Es sind nicht nur die aus dem Flachland… 😉 Hier in meiner Umgebung gibt’s auch viele von der Sorte!
    Gruass Marc

    • Nadine sagt:

      Hoi Marc
      Danke! Es ist schön zu lesen, dass wir nicht die Einzigen sind, denen dies auffällt. Aber schade, dass diese Eigenschaften “Höhenmeter-unabhängig” sind… Versuchen wir doch, dem gemeinsam entgegenzuwirken ;o)
      Liebe Grüsse aus dem Limmattal
      Nadine

  • Hey ihr Zwei,

    War schön, euch wieder zu sehen. Diesmal in der Schweiz und nicht auf Reisen. Das nächste Treffen machen wir dann wieder irgendwo auf dieser schönen Welt. In Tasmanien vielleicht?

    Hab euren Artikel gerade erst gesehen und musste ihn natürlich sofort lesen. Kann eure Gefühle so gut nachvollziehen. Die Rückkehr ist immer eine grosse Herausforderung. Vorallem nach so langer Zeit. Jedesmal wenn wir zurück kommen, auch wenn es nur für “Ferien” sind, haben wir dasselbe Gefühl. Die Auswahl und der Überfluss ist krass. Uns überfordert genau das auch jedes Mal. Aber nur schon das Bewusstsein, dass man mit ganz wenig glücklich leben kann, find ich wunderbar. So nimmt man von jeder Reise was mit.

    Wünsche euch ein gutes Einleben und geniesst euren Garten.

    Liebe Grüsse, Reni

    • Nadine sagt:

      Hallo Reni
      Ja, das war sehr schön. Ein Treffen in Tasmanien hört sich gut an! Früher oder später 😉
      Dieses Bewusstsein, dass man mit ganz wenig glücklich leben kann ist nur sehr schwierig aufrechtzuerhalten in dieser Umgebung. Aber wir geben uns Mühe. Und ab und zu mal wieder “back to the basics” zu gehen beim Wandern oder Reisen hilft, es sich wieder in Erinnerung zu rufen.

      Euch viel Vergnügen beim Vorbereiten eurer nächsten Reise und geniesst die Schweiz im Sommer.
      Liebe Grüsse
      Nadine

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