Hitchhiking in Dänemark

Es ist bereits kurz vor neun, als ich meine Augen öffne und meine ungewohnte Umgebung wahrnehme. Ich liege im Schlafsack auf einer Schaumstoffmatratze in einem Wohnzimmer.

 Wo bin ich?

Links von mir an der Wand hängt ein Deckenhohes Banner, das für die Padi-Tauchausbildung wirbt. Rechts von mir liegt Philippe, schon hinter seinem eReader versteckt und scheinbar schon länger wach. Die Schlafzimmertür öffnet sich und unser Host streckt den Kopf aus der Tür. “Good morning” – “Morning” – “Did you sleep well?” Das Hirn steigt schnell auf Englisch um. Gleich nach dem Aufstehen checke ich meine Mails. Wir haben noch keine Übernachtungsmöglichkeit für heute Abend, da die angefragten Personen leider nicht immer schnell antworten. Aber das hält uns nicht von der Weiterreise ab. Wir werden schon etwas finden. Nach dem Frühstück – meistens Müsli – malen wir auf einem A4-Papier unser Ticket für das nächste Ziel. KBH steht da in dicken schwarzen Lettern. KBH für Københaven – Kopenhagen. Wir schauen uns nochmals die lokale Karte an und entscheiden uns, wo wir unser Glück mit dem Hitchhiken versuchen wollen. Die Rucksäcke sind gepackt, wir haben uns vom Host verabschiedet, weiter geht’s.

Thumbs up

Mit unserem Gepäck auf dem Rücken gehen wir zu Fuss etwa eine halbe Stunde der Strasse entlang unserem heutigen Ziel entgegen, bis wir eine gute Stelle gefunden haben. Vorzugsweise einen Ort, wo die Autos langsam fahren (nach einem Kreisel oder einer Ampel) und wo eine Halte- und Einsteigemöglichkeit vorhanden ist (Bushaltestelle, breiter Gehweg, Ausweichstelle). Wir legen die Rucksäcke hin und stellen uns darauf ein, für eine unbestimmte Zeit im Wind und gelegentlichem Regen zu stehen und unsere Daumen hochzuhalten.
Wir warten etwa eine Dreiviertelstunde, da hält ein schwarzer Kombi, der aus einer Seitenstrasse in die Hauptstrasse eingebogen war. Die Frau hinter dem Steuer fordert mich auf, die Tür zu öffnen: “Jeg kommer til København. “
Ich verstehe natürlich nichts: “Where are you bound for?”
“Oh, English?”
“English or German?”
Sie lächelt “Dann Deutsch. Ich fahre bis nach Kopenhagen. Seid ihr zu zweit?”
Mit einem unsicheren Blick zu Philippe nicke ich.
“Und das ganze Gepäck?” fragt sie mit einem Blick auf unsere Rucksäcke.
“Ja, das ist nicht so viel. Es sieht nach mehr aus.” Ich versuche, zuversichtlich zu wirken.
Sie zögert einen Moment, ihr Blick schweift von unseren Rucksäcken zu Philippe, dann zu mir. “Okay, das geht.” Ich winke Philippe herbei.
Sie steigt aus, öffnet den Kofferraum und hilft uns, unser Gepäck darin zu verstauen. Es hat alles problemlos Platz.
Philippe fragt mich noch kurz vor dem Einsteigen, wie weit sie fährt. Wir grinsen uns an, als ich ihm erkläre, dass sie uns bis nach Kopenhagen mitnimmt. Das ist mehr, als wir erwartet haben!
Ich setze mich auf den Vordersitz, Philippe auf die Rückbank.
Während der dreistündigen Fahrt unterhalten wir uns mit unserer “Fahrerin”. Sie wuchs in Dänemark nahe der Deutschen Grenze auf und spricht daher sehr gut Deutsch. Die Gespräche sind interessant und wir lernen wieder einiges mehr über Dänemark.
Obwohl wir bis jetzt noch nicht viel Tramping-Erfahrung haben, schätzen diese Reisemöglichkeit bereits sehr. Nicht nur wegen dem günstigen Vorankommen, sondern auch weil die Begegnungen sehr spannend sein können.

Hitchhiking-Geschichten

Unser erstes Hitchhiking alleine machten wir nach unserem Aufenthalt auf Sylt und versuchten von Niebüll (DE) nach Esbjerg (DK) zu gelangen. Unsere erste Fahrerin nahm uns nach nur 10 Minuten Wartezeit von Niebüll nach Tønder mit. Sie war Polin und arbeitete eine Zeit lang in der Schweiz. Sie fährt fast jedes Jahr für die Ferien in die Schweiz und es ist noch immer ihr Wunsch, dort mal zu wohnen, aber ihr Mann, ein Ingenieur, hat in Dänemark einen guten und sicheren Job, den er nicht aufgeben möchte.

Unser zweiter Fahrer (15 Minuten warten bei Tønder) war ein enthusiastischer Motorradfahrer, der von seiner Fahrt von Dänemark ans Nordkap schwärmte. Er erzählte uns begeistert von ecco, der dänischen Schuhmarke, und fuhr mit uns in Bredebro stolz um den Hauptsitz des Unternehmens. Anscheinend sind die örtlichen Outlet-Verkäufe von ecco so beliebt, dass sie eine Grenze von 10 Paar Schuhen pro Person einführen mussten.

Die letzte Fahrt von Bredebro nach Esbjerg (4 Minuten warten und etwa eine Stunde Fahrt) wurde uns von einem Dänen ermöglicht, der in Esbjerg am Hafen in der Herstellung von Offshore-Windturbinen arbeitet und nach Deutschland fuhr, um günstig Getränke einzukaufen. Der grenznahe Einkauf in Deutschland ist also keine Schweizer Besonderheit. Schweizer kaufen in Deutschland, Dänen kaufen in Deutschland, Schweden kaufen in Deutschland (mit der Fähre von Trelleborg nach Sassnitz auf Rügen) und Holländer kaufen in Deutschland (zwei Holländer bei unserem Host in Dänemark erzählten davon). Entlang des Hafens von Esbjerg zeigte uns der Fahrer gar die verschiedenen Hersteller und Fabrikanlagen der Windturbinen. Er bedauerte es, seine Hafenkarte nicht mit dabei zu haben, sonst hätte er uns den Hafen noch von “innen” bestaunen lassen. Bei der Fahrt durch die Innenstadt wies er uns den Weg zur  Hauptstrasse und erklärte, wie die Strassen verlaufen (Schachbrett). Beim Vorbeifahren deutete er Stolz auf das Musikhaus (die Architekten waren Jørn und Jan Utzon, ersterer hat auch das Sydney Opera House entworfen) und liess uns direkt vor der Haustüre unseres Hosts aussteigen. Wohlgemerkt – er wohnt im nördlichen Teil von Esbjerg und nahm für uns einen etwa 20-minütigen Umweg in Kauf.

Noch keinen Platz zum Schlafen

Aber zurück zu unserem Reisetag. Dass wir eine direkte Fahrt nach Kopenhagen erhalten haben, ist grosses Glück. Mich beruhigt das insbesondere, weil uns so in der Stadt noch genug Zeit bleiben würde, um eine Unterkunft zu suchen. Als unsere Fahrerin von mir erfährt, dass wir noch keine Unterkunft haben, bietet sie uns die Möglichkeit an anzurufen, falls wir nichts finden. Dann könnten wir bei ihr, nördlich von Kopenhagen, übernachten. Ich bin überaus dankbar für dieses Angebot – es ist schliesslich immer gut, einen Plan B zu haben.
Als wir der dänischen Hauptstadt näher kommen, schaut unsere Fahrerin im Navi nach einer geeigneten Haltemöglichkeit. Sie hat vor, uns bei einem S-Bahnhof aussteigen zu lassen, wo wir mit dem Zug ins Zentrum fahren können. Sie fährt uns dann aber kurzerhand bis ins Zentrum und lässt uns vor dem Hauptbahnhof aussteigen. Nachdem wir unsere Handynummern ausgetauscht und uns herzlich bedankt haben, gehen wir auf der Suche nach WiFi in die gegenüberliegende Touristeninfo. Dort müssen wir feststellen, dass wir noch keine Zusage für die Unterkunft haben. Wir warten in der Lounge der Touristeninfo und arbeiten etwas an unseren Notebooks, als wir kurz vor fünf doch noch eine Zusage über Airbnb erhalten. Wir packen unsere Sachen zusammen und machen uns auf den Weg zu unserer Unterkunft. Um heute noch die Stadt zu besichtigen sind wir zu müde, anstelle geniessen wir unser eigenes Zimmer.

Was uns die nächsten Tage in Kopenhagen erwartete erfährst du hier.

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