Mein Fazit zum Te Araroa

Das Abenteuer

3’000 Kilometer zu Fuss durch Neuseeland. Schaffen wir das überhaupt? Bevor wir Ende Oktober 2015 auf dem Te Araroa starteten, waren wir nie länger als eine Woche am Stück gewandert. Und nun sollten es gleich 4-5 Monate sein. Anfängliche Zweifel waren angebracht.

Rund 4,5 Monate später standen wir in Bluff, dem offiziellen Ende des Te Araroa. Müde, glücklich, und froh darüber, dass wir es geschafft hatten. Trotz viel Schlamm, mehr nassen als trockenen Füssen (siehe Te Araroa Statistiken) heimtückischem Tussock Country und unzähligen zermürbenden Kilometern auf Strassen hatten wir unser Ziel erreicht. Auch mein Ermüdungsbruch beim 3. Mittelfußknochen des Rechten Fusses und die erzwungenen 4 Wochen Pause in Wellington konnten uns nur vorübergehend stoppen.

Doch hatte ich in Bluff das Gefühl, etwas Grossartiges geleistet zu haben?

Nein.

Dachte ich in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder wehmütig zurück an die Zeit auf dem Trail.

Nein; naja ein bisschen 😉.

Vermiss ich den Trail?

Hell, yeah.

Gewiss, es ist eine tolle Leistung, (fast) 3’000 Kilometer durch Neuseeland zu wandern und immer wieder an seine persönlichen Grenzen zu stossen. Wer es nicht selber gelaufen ist, kann es gar nicht nachvollziehen. Aber euphorisch oder deprimiert war ich danach nicht. Wir beide waren es nicht.

Wieso denn nicht?

Wahrscheinlich lag’s daran, dass wir zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahre am Reisen waren. Der Te Araroa war Teil eines noch grösseren Abenteuers gewesen. Ein Highlight unter Highlights. Zwei Jahre lang reisten und lebten wir, wie wir es wollten. Abseits von gesellschaftlichem Druck und Zwängen. Unsere Erfahrungen auf dem Te Araroa rückten uns zwar nochmals ein Stück weiter weg von der Maschinerie des Alltags, doch waren wir uns schon an eine nonkonforme Lebensweise gewöhnt. Wir kannten den Geschmack von Abenteuer, Freiheit, und Unabhängigkeit bereits sehr gut.

Und dann wäre noch die „once in a life time“-Einstellung bei solchen Projekten. Für viele Leute war der Te Araroa ein Abenteuer, auf das sie jahrelang hingearbeitet hatten oder für das sie viel opfern mussten. Wenn dieses Abenteuer dann zu Ende geht, folgt nach der Euphorie meist der Schock und oftmals die bekannte post-trail-depression. Viele Wanderer sind von diesem depressiven Gemütszustand nach einem thru-hike betroffen. Essen, Laufen, Schlafen. Die Lebensweise auf dem Trail ist auf die wesentlichen Bedürfnisse reduziert und unterscheidet sich drastisch vom „normalen“, stressigen Leben, in das die meisten zurückkehren werden.

Auch ich werde meine Anpassungsschwierigkeiten haben. Doch deprimiert bin ich nach dem Ende des Trails nicht. Wir beide wissen, dass der TA nicht unser letzte Fernwanderung gewesen sein wird. Und es war auch nicht unsere letzte Langzeitreise. Wir haben zu viele Pläne, als dass wir wehmütig auf Vergangenes zurückblicken wollen.

Nun aber zum eigentlichen Fazit zum Te Araroa.

Nordinsel

Die Nordinsel Neuseelands ist wesentlich dichter besiedelt als die Südinsel. Mehr Menschen, viel Privatland und nur wenig Wildnis. Kein typisches Wandersetting. Zudem sind ca. 50% des Trails auf aller Arten von Strassen.

Gastfreundschaft

Auf der Nordinsel geht es darum auch vielmehr um die Kultur der Neuseeländer und ihren Lifestyle sowie um den Kontakt mit den Einheimischen. Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Kiwis hatte uns immer wieder aufs Neue überrascht und begeistert. Insgesamt übernachteten wir über ein Dutzend Mal in Gästezimmern, Gartenhäuschen und im Vorgarten fremder Leute. Oftmals fragten wir nur nach Wasser und erhielten immer viel mehr. Hinzu kamen unzählige Begegnungen, Gespräche und nette Gesten, die uns die anstrengenden Kilometer wieder vergessen liessen. Die Kiwis haben das Trail-Angel-Gen in sich, ohne zu wissen, was ein Trail Angel überhaupt ist.

Für uns war der kulturelle Austausch einer der Hauptgründe wieso wir den Te Araroa machen wollten. Als normaler Tourist wären uns die meisten Begegnungen verwehrt geblieben.

Ups and Downs

Der soziale Austausch und die interessanten Begegnungen waren entscheidend dafür, dass die negativen Seiten der Nordinsel am Ende nicht überwogen. Das Strassenlaufen war für mich psychisch und physisch zermürbend. Auch Musik und Podcasts im Ohr konnten nicht immer über die Monotonie hinwegtäuschen. Die immerwährend gleichen Bewegungen beim Laufen verursachten zudem chronische Schmerzen in der Hüfte, Schultern und Füssen.

Ein paar Natur-Highlights gab es natürlich auch. Die Ostküste vom Northland, der Pureroa Forest, das Tongariro Crossing und die Tararuas waren für mich die besten Abschnitte. Nur waren es halt Inseln in einem Meer aus Farmland, Strassen und schlammigen Wäldern.

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Northland East coast

Gesundheit

Geistig und körperlich war ich wesentlich schlechter dran als auf der Südinsel. Ich kämpfte mit Entzündungen und erlitt vor den Tararuas einen Ermüdungsbruch (4 Wochen Pause). Meine Motivation war an vielen Tagen nicht existent und oft hatte ich starke Stimmungsschwankungen.

Viele dieser Probleme führe ich aufs Strassenlaufen zurück. Ich mag es einfach nicht, geradeaus und auf nicht natürlichem Untergrund (Beton, Teer, Kies) mit dem immer gleichen Bewegungsmuster zu laufen.

Kurz und Knapp

Die Nordinsel ermöglicht einen tollen Einblick in die neuseeländische Kultur, abseits vom Tourismus. Der Kontakt mit den Kiwis war genial. Wandertechnisch spannende Abschnitte gab es nur wenige. Zu viel Trail verläuft auf Strassen und Kuhweiden.

Südinsel

Der Te Araroa auf der Südinsel verläuft entlang der östlichen Seite der Alpen und meidet dichter besiedelte Gebiete wie Nelson, Christchurch oder Dunedin. Aufenthalte in der Zivilisation beschränken sich auf touristische Orte wie Arthur’s Pass und Queenstown.

Natur

Die wilden Landschaften und das Naturerlebnis stehen auf der Südinsel im Vordergrund. Strassenabschnitte gibt es nur wenige und beschränken sich auf Verbindungsstücke zwischen Trail und Resupply Ort.

Wir hatten sehr viel Glück mit dem Wetter und zählten bspw. nur ein, zwei Regentage in den ersten drei Wochen. Dies vereinfachte die teils schwierigen oder gefährlichen Flussüberquerungen ungemein. Viele Flussüberquerungen sind nur bei gutem Wetter möglich und Rasttage in Hütten infolge Regen sind nichts Ungewöhnliches. Neben der körperlichen Anstrengung birgt die Natur die grössten Herausforderungen auf der Südinsel.

Zu den spektakulärsten Abschnitten zähle ich die Richmond Ranges und den Nelson Lakes National Park.

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Blue Lake – Nelson Lakes National Park

Ups and downs

Neuseeland verfügt über ein gewaltiges Netzwerk aus 1’200 DOC Hütten. Die meisten von ihnen stehen im Hinterland, dem sogenannten Backcountry, der Südinsel. Auf dem Te Araroa kommt man theoretisch in den Genuss von bis zu 40 Hütten. Wir selber übernachteten weniger in den Hütten aber oftmals ausserhalb im Zelt. Ein Plumpsklo und ein Dach über den Kopf verleiten die meisten TA-Wanderer dazu, von Hütte zu Hütte zu wandern. Dies hatte zur Folge, dass wir auf der Südinsel weitaus mehr TA-Wanderer antrafen, als auf der Nordinsel, wo es sich wegen des Free Camping mehr verteilt hatte.

So ergab sich auch die Begegnung mit Mary Kate und James (USA). Bis nach Bluff übernachteten wir praktisch jede Nacht am gleichen Ort und wanderten manchmal gemeinsam für ein paar Stunden. Wir schätzten den Kontakt mit ihnen und auch mit anderen TA-Wanderern sehr.

Auf der Südinsel mochte ich lediglich den letzten Abschnitt des Trails nicht; von Te Anau bis nach Bluff. Insbesondere die letzten 100km, die mehrheitlich auf Strand und Strassen verliefen. Ich entwickelte sofort wieder eine Entzündung; diesmal im Schienbein.

Verglichen zur Nordinsel war dieser Abschnitt aber nichts Ungewöhnliches, denn die Parallelen waren nur allzu deutlich.

Gesundheit

Mehr Natur, weniger Zivilisation, mehr Wandern. Ich hatte viel mehr Freude und Energie auf der Südinsel, obwohl die Tage länger (Dauer, Distanz) und herausfordernder als auf der Nordinsel waren. Es war Wandern nach meinem Gusto :). Auf und ab, auf und ab. Hauptsache kein Geradeauslaufen auf der tumben Strasse! Nicht ohne Grund bekamen wir den Beinamen „Mountain Goats“.

Ich erfreute mich auch wesentlich besserer Gesundheit. Der Ermüdungsbruch war beim Start auf dem Queen Charlotte Track zwar noch nicht komplett verheilt. Nachdem ich aber die Richmond Ranges überstanden hatte, wusste ich, dass ich den Rest auch schaffen würde.

Kurz und Knapp

Die Südinsel war für mich ohne Zweifel das Highlight des Te Araroa. Endlich konnte ich die neuseeländische Natur in vollen Zügen geniessen. Auf 1’300km führte der Trail durch abwechslungsreiche und atemberaubende Landschaften. Und das Beste: fast keine Strassen ;).

Ist der Te Araroa etwas für dich?

Würde ich den Te Araroa nochmals machen? Nein. Dafür gibt’s noch zu viele andere Fernwanderungen auf der Welt. Würde ich den TA weiterempfehlen? Klar, auf jeden Fall. Der Te Araroa ist nicht wirklich mit anderen Fernwanderungen vergleichbar. Die beiden Inseln sind krasse Gegensätze und haben unterschiedliche Schwerpunkte. Kultur im Norden und Natur im Süden. Wer seinen Fokus nur auf einen Schwerpunkt legt, könnte also enttäuscht werden. Wer sich hundertprozentig auf Neuseeland einlassen will, wird nicht enttäuscht werden.

Probleme

Der Te Araroa steckt noch in seinen Kinderschuhen und hat dementsprechend viele Kinderkrankheiten.

Als Hauptproblem sehe ich die jährlich steigende Anzahl von TA Wanderern. Derzeit verdoppeln sich die Zahlen jedes Jahr. Die Infrastruktur ist dafür nicht gegeben.

Auf der Nordinsel wird es bspw. problematisch mit Free Camping. In vielen Sections gibt es nur wenige Möglichkeiten sein Zelt auf öffentlichem Grund aufzuschlagen. Wir übernachteten mehrheitlich auf Privatland und waren so auf die Hilfsbereitschaft/Gastfreundschaft der Kiwis angewiesen. Und manchmal campten wir notgedrungen ohne Erlaubnis. Sollten immer mehr und mehr Wanderer an die gleiche Haustür klopfen oder illegal campen, wird es Schwierigkeiten geben.

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Camping on someones private lawn.

Auf der Südinsel ist Free Camping kein Problem. Das gute Netzwerk aus Backcountry Huts könnte je nachdem aber an seine Grenzen stossen. 6-8 Bunks reichen in der Hochsaison nicht mehr aus. Meiner Meinung nach ist das für TA Wanderer weniger ein Problem, da diese ein Zelt mit sich tragen. Sofern es das Terrain halt erlaubt Das DOC sollte sich daher eher auf genügend Plumpsklos und Zeltflächen konzentrieren, statt grössere Hütten zu bauen.

Wasser ist auf der Nordinsel häufig knapp. Farmwirtschaft und Zivilisation verunreinigen viele Wasserquellen. Wir klopften fast täglich an eine Tür und fragten nach Wasser. Ein paar Regentanks und ein Index von Wasserquellen auf dem Trail könnten Abhilfe schaffen.

800 Kilometer auf Strassen auf der Nordinsel. Es ist nicht nur nervig sondern auch gefährlich. Gerade die Abschnitte auf den Highways oder stärker frequentierten Strassen waren sicherheitstechnisch bedenklich. 2 Meter Abstand zu einem grossen Truck mit 100 km/h. Unangenehm! Dies für 5,10 oder gar 20 Kilometer? Tatsache. Der Te Araroa Trust muss den Trail in den nächsten Jahren von der Strasse holen. Andernfalls wird es zu Unfällen kommen.

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Ugly

Gut unterhaltene Wanderwege wie in Europa oder den USA sind auf dem Te Araroa in der Unterzahl. Auf der Südinsel ist der Trail vielfach ein Trampelpfad oder gar nicht existent. Dies führt zu zwei Problemen:

Wenn der Track nur unzureichend markiert und ausgebaut ist oder einfach gar nicht existiert, führt dies zu Querfeldeinlaufen und zu mehreren kleineren Trampelpfaden. Das zerstört die Natur rund um den Trail. Breite Schneisen aus niedergetrampelten Pflanzen und Schlammlöchern sind keine Seltenheit. Gerade in ariden Gebieten mit sensibler Flora ist der Schaden enorm. Von einem klaren, ausgebauten Trail profitiert nicht nur der Wanderer.

Doch auch beim Unterhalt bestehender Wanderwegen hapert’s. Ein Beispiel dazu: Der Te Araroa führt im Pirongia Forest durch den Regenwald hinauf zum Mt. Pirongia und der neuen und luxuriösen Pahautea Hut und auf der anderen Seite wieder runter. Beide Tracks, besonders der Hihikiwi Track, sind wahre Schlammhöllen. Die Hütte ist zwar nett, aber Zu- und Abstieg nicht. Da investiert das DOC viel Geld in eine neue Hütte, aber nicht in den Zugang.

Der Unterhalt der unzähligen vom DOC verwalteten Wanderwege kostet natürlich viel Geld. Eine schwierige Situation für das leider unterfinanzierte DOC. Und Freiwilligen Arbeit für Unterhalt von Wanderwegen scheint in Neuseeland auch nicht sehr verbreitet zu sein. Doch meiner Meinung nach könnte das DOC den Fokus eher auf die Tracks statt auf die Hütten legen.

Der Te Araroa ist noch jung und hat noch viel vor sich. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob der Trail Bestand haben wird. Das Zeug zu den Grossen (Pacific Crest Trail, Appalachian Trail, etc.) zu gehören, hat er jedenfalls.

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2 Comments

  • Christoph sagt:

    Wie sieht es denn jetzt, nachdem bereits eine Weile vergangen ist, seit ihr in Bluff angekommen seid?
    Mental gehts mir gut, aber das fehlende tägliche Laufen macht sich bei mir körperlich stark bemerkbar. Ich bekomme ein Zwicken und Ziehen an verschiedenen Stellen und fühle mich wesentlich älter 😀 Scheint ein Zeichen zu sein, dass wir Menschen zum Laufen und nicht zum Sitzen gemacht sind!
    Wie haltet ihr euch nach dem Ende so einer Fernwanderung weiterhin fit?

    • Philippe sagt:

      Mental ist das Setting bei uns nochmal anders, da wir 2 Jahre lang auf Reisen waren und damit schon länger keinen normalen Alltag mehr hatten. Für Leute, die „nur“ die Wanderung machen und dann zurückkehren, ist es wahrscheinlich ein wenig anders.
      Der flexible Lebensstil während der ganzen Reise machte uns den Einstieg leichter. Es war auch Zeit für eine Pause. Wenn wir dann aber einen Job haben werden, sieht die Sache nochmal anders aus. Da werden die Gedanken sicher öfters zurück schweifen. Wichtig für uns ist, dass wir Ziele setzen, auf die wir hinarbeiten können. So kommt man nicht zu sehr ins Grübeln.
      Sportlich machen wir einfach das, was wir vorher schon gemacht haben. Laufen, Mountainbiken, Wandern usw. Die Fitness vom Trail aufrechtzuerhalten ist nicht möglich.

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