Ein Jahr Reisen und 15 Dinge, die wir daraus gelernt haben

Auf den Tag genau ist es jetzt ein Jahr her, seit wir uns von Zürich aus nach Berlin aufgemacht haben. Eine Reise ohne Zeitlimit haben wir immer gesagt. Nun haben wir den ersten Meilenstein erreicht und sind schon bisschen geschockt. Ein Jahr vergeht im Nu; insbesondere wenn man so viele Erlebnisse dicht aufeinander gefolgt erfährt.

Europa

Sechs Monate (Reisebilanz Europa) verbrachten wir vorwiegend im nördlichen Europa. Europäische Weltreisende lassen den eigenen Kontinent aus Kosten- und anderen Gründen ja oft aus und entdecken lieber exotische Orte wie Südamerika oder Asien. Wir dagegen wollten die Naturschönheiten der nordischen Länder sehen. Unsere Route führte von Deutschland aus über alle skandinavischen Länder und folgte danach den Hauptstädten einiger osteuropäischer Staaten, bis sie schliesslich in Istanbul – an der Grenze zu Asien – endete.

Die darauf folgenden drei Wochen in der Schweiz waren der Bürokratie und Administration geschuldet – wir meldeten uns aus der Schweiz ab.

In Bangkok begann dann ein neues Kapitel, das sich von unserem bisherigen Reisestil gänzlich unterschied. In Europa waren wir sehr aufs Budget bedacht. Die meiste Zeit reisten wir deshalb per Anhalter, logierten mit Couchsurfing auf fremden Sofas und Betten, zelteten insgesamt über einen Monat und arbeiteten etwa fünf Wochen in Südschweden und Finnland für Kost und Logis.

Südostasien

In Südostasien war dies ganz anders. Mit dem gleichen Budget wie in Europa konnten wir uns mehr Luxus leisten. Und das taten wir nach den sparsamen Monaten auch. Doppelzimmer, 3x täglich auswärts Essen gehen, Tauchen lernen und Touren mitmachen. Das Leben war so viel bequemer und einfach geworden. Oder doch nicht?

Nein, die Ebenen hatten sich einfach verschoben und andere Dinge wie der Kulturschock und der asiatische Alltag forderten nun Geist und Körper.

Thailand, Vietnam, Kambodscha und Laos. Die Anzahl der Länder reduzierte sich, dafür hatten wir mehr Zeit, um uns mit den verschiedenen Kulturen zu beschäftigen. Und Kultur ist es, was das Reisen in Asien ausmacht. Abgesehen vom Tauchen in Thailand und Wandern in den Bergen in Nordvietnam konzentrierten sich unsere Aktivitäten stark auf die Entdeckung der kulturellen Vielfalt dieser Länder. Doch irgendwann wurde uns bewusst, dass wir uns wieder nach unberührter Natur, mobiler Unabhängigkeit und alltäglichen Dingen wie Kochen sehnten.

Ozeanien

Australien, genauer gesagt Tasmanien, sollte uns als Einstieg zur Befriedigung unserer Bedürfnisse dienen. Ein Kontakt aus der Zeit in Norwegen führte uns nach Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens. Ein milder Kulturschock finanzieller Natur führte uns wieder zurück du den Wurzeln; wir arbeiteten als garden fairies und woofers für Kost und Logis. Unser Bedürfnis nach Natur und Wandern konnten wir mit dem siebentägigen Overland Track stillen.

Auf Bruny Island, einer Insel vor der Insel (Tasmanien) vor der Insel (Australien), jährte sich nun unsere Reise. Weit ab von Lärm und vielen Menschen können wir uns auf dieses erlebnisreiche Jahr besinnen und über das Gelernte reflektieren.

In Australien werden wir bis Oktober bleiben und das Festland mit einem Campervan erkunden. Und für danach haben wir bereits konkrete Pläne gefasst. Das verstösst zwar gegen unsere Philosophie des ungeplanten Reisens, doch zwingt uns ein Projekt dazu. Was wir denn genau geplant haben, erfährst du in ein paar Monaten, wenn es noch konkreter 😉 wird.

15 Dinge, die wir durchs Reisen gelernt haben

Reisen bildet und erweitert den persönlichen Horizont: eine Binsenwahrheit. Dies können wir nur bestätigten, war es doch mitunter ein Beweggrund für diese Reise ohne Zeitlimit. Doch was haben wir nun nach einem Jahr Reisen gelernt?

  1. Reise ohne Erwartungshaltung

Wir haben gelernt, dass wir keine Erwartungen an Menschen, Orte, Unterkünfte etc. haben sollten. Es trifft aufs Reisen und auf alle anderen Dinge im Leben zu. Wenn du ohne konkrete Vorstellung an einen Ort reist, kannst du nicht enttäuscht werden. Es ist so, wie es ist, und du nimmst es so, wie es ist.

  1. Sei auf Reisen offen für Zufälle

Die besten Erlebnisse auf Reisen kommen immer unerwartet. Lass dich auf Chancen oder eine dargebotene Hand ein. Unerwartete Wendungen machen das Leben und Reisen spannend.

  1. Mach keine grossen Pläne im Voraus

„Plans change as we change“. Das Reisen verändert nicht nur dich, sondern mit Bestimmtheit auch deine Reisepläne. Vielleicht gefällt dir diese Trauminsel im Indischen Ozean so gut, dass du einen Monat dort verbringst, oder willst ob der Einsamkeit bereits nach einem Tag wieder abreisen. Bleib flexibel in deiner Reiseroute, auch wenn deine Reise von bestimmter Dauer ist.

  1. Sei unabhängig von anderen Leuten

Verpasste Termine, keine Antwort oder eine miese Dienstleistung. Wir haben gelernt, dass wir soweit es möglich ist, unabhängig von anderen Leuten sein wollen. Das bedeutet nicht, dass wir autark und abgeschottet reisen, doch versuchen wir unsere Abhängigkeiten von anderen Leuten so zu steuern, dass wir nicht allzu sehr eingeschränkt werden, sollte irgendetwas nicht funktionieren.

  1. Am Ende geht es immer (irgendwie)

Alle Hotelzimmer sind ausgebucht, du stehst seit vier Stunden am Strassenrand und niemand nimmt dich mit, der letzte Bus ist gerade vor deiner Nase abgefahren. Auf Reisen kommst du immer wieder in Situationen, die ausweglos erscheinen. Wir können dich beruhigen, es gibt am Ende immer eine Lösung.

  1. Menschen sind freundlich und hilfsbereit

Egal wo, überall treffen wir freundliche und hilfsbereite Menschen. Fremde Menschen laden dich zum Essen oder für eine Nacht auf ihrem Sofa ein. Eine Einheimische im Café verrät dir ein paar Ausgehtipps oder warnt vor Scams. Es spielt keine Rolle, in welchem Land du bist, Gastfreundschaft ist etwas vom Schönsten, das du auf Reisen erlebst.

  1. Das Naturerlebnis gibt uns beim Reisen am meisten zurück

Ein sehr persönliches Learning, dass im Grunde nichts anderes besagt, als dass du merken wirst, was dir beim Reisen am meisten Spass macht. Mach es dann einfach und lass dich nicht von anderem ablenken.

  1. Kulturelle Erfahrungen macht man nicht im Tempel sondern bei den Einheimischen

Ein Gespräch mit einem Thai in einem Zug, ein Abendessen mit einer Vietnamesin. Der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung ist der beste Zugang zur Kultur des Landes. Du lernst in einer halben Stunde mehr über das Leben vor Ort, als in einem Tag im Museum oder Tempel.

  1. Man braucht weniger zum Leben, als man denkt

Auf Reisen wirst du schnell merken, dass man gar nicht so viel zum Leben braucht, wie es unsere konsumsüchtige Gesellschaft uns glauben lassen will. Vielleicht realisierst du es beim Gewicht deines Rucksacks und fragst dich, ob du wirklich 5 T-Shirts brauchst. Oder du siehst in welchen ärmlichen Verhältnisse die Menschen in Drittweltländern leben, sodass dir der Burger im Hals stecken bleibt. Beim Reisen stehen die Chancen gut, dass du ein wenig Abstand von der Konsumgesellschaft gewinnst und einen kritischeren Blick auf diesen Wahnsinn erhältst.

  1. Unerwartete (teure) Anschaffungen gibt es immer wieder

Ganz abkapseln kannst du dich natürlich vom Konsum nicht. Ab und an fallen auf Reisen grössere Kosten an. Neue Schuhe müssen her, du brauchst einen wärmeren Pullover oder das Objektiv deiner Kamera ist in die Brüche gegangen. Rechne solche Extrakosten in dein Budget mit ein, damit die Reise nicht kürzer ausfällt als gedacht.

  1. Wenn dir etwas nicht passt, ändere es

Habe den Mut dir einzugestehen, wenn dir etwas nicht passt und ändere es. Bei uns hat es in Asien ein wenig gedauert, bis wir uns eingestehen konnten, dass wir doch nicht so viel Zeit dort verbringen bzw. nicht noch weitere Länder besuchen wollten. Manchmal dauert es halt ein wenig, bis man seine Bedürfnisse erkennt, dann solltest du aber handeln.

  1. Reisen wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet

Gehst du auf Reisen, weil du dir erhoffst, dadurch ein paar Antworten zu erhalten, dann müssen wir dich enttäuschen. Das Reisen wirft mehr Fragen auf, als es dir beantwortet. Je mehr du von der Welt siehst und zu verstehen beginnst, desto mehr Fragen tauchen auf, desto mehr möchtest du sehen und wissen.

  1. Reisen zeigt auf, was man nicht will

Anstatt dir konkrete Fragen zu beantworten, zeigt dir Reisen auf, was du nicht willst. Das kann sich um Verhalten von Menschen, Lebensmodelle, Jobs, kulturelle Begebenheiten usw. handeln. Es führt dir vor Augen, was du nicht willst und lässt vielleicht die Sicht auf jenes frei, das für dich bewusst und unbewusst wichtig ist.

  1. Reisen zeigt dir, wie es anders geht

Lebensmodelle sind so vielfältig wie das Leben selbst. Als Aussteiger und Hippie auf einem alternativen Bauernhof leben, im Rausch der Großstadt um Geld und Ruhm kämpfen oder als Fischer oder Tauchlehrer im türkisblauen Meer schwimmen. Beim Reisen triffst du auf alle erdenklichen Lebensmodelle. Als Bürger aus westlichen Wohlstandsgesellschaften haben wir den Luxus, unter diesen Modellen auswählen zu können. Nutze die Chance des Reisens, um einen Blick über das Vorstadtleben hinaus zu werfen.

  1. Reisen ermöglicht dir einen Blick auf das grössere Ganze

Wenn ich an die Schweiz und an manchen ihrer Bewohner denke, kommt mir ein Igel, oder eine Burgmauer in den Sinn.
Am Schönsten ist es doch Zuhause, wo ich es warm und gemütlich habe. In der Schweiz haben wir eine tiefe Arbeitslosenquote, eine florierende Wirtschaft, die Berge und Schokolade. Für was brauchen wir alle anderen?
Dieses Nesthocken und Augen-Verschließen vom Rest der Welt ist alarmierend. Der Tellerrand vieler Schweizer ist zur Mauer geworden. Man igelt sich ein und hält an einem Bild der Schweiz fest, das es nie gegeben hat. Heidi & Peter tanzen fröhlich auf der Bergwiese während Zottel friedlich grast und Sepp den Käselaib ins Tal rollt. Im Unterland – wo man selber wohnt – droht aber Gefahr. Ausländer sind in die Schweiz gekommen! Sie arbeiten in Krankenhäusern, an den Universitäten und auf dem Bau. Der Schweizer fühlt sich bedroht und macht sie gleich noch für Umweltverschmutzung, sämtliche Kriminalität und Unfruchtbarkeit verantwortlich. Währenddessen bilden sich bereits kilometerlange Schlangen von Ausländern an der Grenze – die man so dringend schliessen möchte. Überall lauert Gefahr, von Innen und Aussen. Da hilft doch nur eins, Grenzen dicht machen und Kondome nach Afrika schicken. Der Rest geht uns nichts an.

Diese absurde Sichtweise auf die Welt haben leider viele Menschen, nicht nur die Schweizer. Erstaunlich viele Leute in den westlichen Ländern haben ein solch enges Weltbild und isolationistischen Verhalten. Woher kommt das? So haben doch all diese Menschen die Freiheit, über das eigene Gärtlein hinauszudenken. Dafür muss man nicht Reisen. Unser Internet ist nicht zensiert, wir haben keinen Einparteienstaat (ein Zweiparteienstaat ist auch nicht viel besser), wir können unbeschränkt reisen, wir können uns Bücher kaufen und Informationen aller Art beschaffen. Und doch grassiert eine irrationale Angst, geboren aus Unwissenheit, Ignoranz und Rassismus.

Als Reisender gehörst du sehr wahrscheinlich nicht in diese Kategorie und hast ein Interesse am Geschehen ausserhalb deiner kleinen Welt. Das Reisen in anderen Ländern und der Kontakt mit fremden Kulturen und Menschen lassen Vorurteile entkräften und treiben Voreingenommenheit aus. Du wirst auf viel Negatives stossen, auf menschliches Elend, Umweltverschmutzung und Korruption. Doch wird all das deine Sicht auf die Welt schärfen und dir bewusst werden, dass du kein Schweizer, kein Deutscher, kein Amerikaner bist, sondern ein Mensch, wie alle anderen auch. Amen.

PS Nachdem ich Punkt 15 geschrieben habe, bin ich einen Tag später auf diesen interessanten Podcast – Die Schweiz – ein Land voller Angsthasen? – von der Sendung Input von SRF 3 gestossen und sehe mich zum Thema Angst bestätigt. Reinhören.

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Was sind deine Learnings vom Reisen? Oder hast du noch eine brennende Frage an uns? Schreib es in einen Kommentar.

3 Comments

  • Chris sagt:

    Schöne Zusammenfassung. Besonders die Punkte 5, 6, 7 und 9 kann ich mehr als hundertprozentig unterschreiben und sind ebenfalls eine der wichtigsten Lektionen meiner Weltreise.

    Ich werde so oft von Freunden gefragt, wie ich das denn mit Bussen, Unterkünften etc. organisiere. Meine Antwort “gar nicht” bzw. “kaum” verwundert dann immer, doch es ist tatsächlich so: am Ende gibt es ohnehin immer eine Lösung, (siehe 5) eben auch aufgrund von Nr. 6, denn selbst wenn man irgendwo stecken bleiben würde, gibt es immer (gast)freundliche Menschen die helfen.

    Das die Natur die größten Abenteuer schreibt, geht mir ebenfalls ganz genau so (7). Und obwohl ich schon immer relativ konsum-unorientiert veranlagt bin, habe ich mich auf meinen Reisen noch mehr von jeglichem Konsum wegbewegt. Meist war es sogar so, dass die schönsten Momente jene waren, bei der absolut Null (Kauf-)Konsum im Spiel war (9).

    Das waren nur mal meine two cents zu einigen Punkten, die mir besonders aufgefallen sind, weil sie eine ebenso zentrale Rolle für mich spielen. Auch Eure anderen Punkten kann ich nahezu alle unterschreiben. 🙂

    Weiterhin frohes Reisen und Grüße aus Argentinien
    Chris

    • Hallo Chris
      Vielen Dank für deine “two cents” :-). Reisen fördert offenbar bei vielen Menschen den Lernprozess auf gleicher Ebene.
      Betreffend Punkt 9 “Konsum” haben wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bewegen wir uns in Städten, lockt der Konsum viel mehr und wir müssen stärker dagegen ankämpfen, als wenn wir irgendwo im Nirgendwo sind. Aber es ist auch spannend, wenn man nach einer “konsumlosen” Zeit wieder in diese Welt eintaucht und die Position des Betrachters einnimmt.
      Nachdem wir uns für Australien ein Campervan in Tassie gekauft haben, ist es noch schlimmer geworden, da man wieder mehr Platz für eben Unnötiges oder Verzichtbares hat. Nur mit einem Rucksack ist die Gefahr geringer. Es hat nur so viel Platz, wie es halt hat 😉 Aber der Blick aufs Budget hilft meistens weiter 😀
      Gute Zeit in Argentinien.
      Grüsse aus Tassie.

  • Chris sagt:

    Klar, Konsumverlockungen sind in Städten immer größer und ich freue mich auch wie ein Schneekönig, wenn es zum Beispiel in einer großen Stadt wieder die komplette Street-Food-Auswahl gibt.
    Dennoch würde mich dort z.B. ein Pizza-Restaurant nicht glücklich machen – einfach unnötiger Konsum, der mit nem leckeren Empanade viel besser bedient ist. 😉

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