Zu Besuch bei Hmong und Red Dao

Reisterrassen, ethnische Minderheiten wie die Hmong und Wandern. Diese Bilder hatten wir im Kopf, als wir uns nach Sapa aufmachten. Das kleine Städtchen liegt auf 1’600 Meter und ist Ausgangspunkt für die meisten Trekking Touristen im Nordwesten von Vietnam.

Unsere Vorstellungen kollidierten ein wenig mit den sehr realen Wetterverhältnissen Nebel und Kälte. Zwar waren wir vorgewarnt und unsere Ausrüstung für Asien reichte auch für kältere Temperaturen; aber vor Ort schlotterten wir trotzdem. Vom Wandern liessen wir uns aber nicht abhalten.

Eigentlich wollten wir gleich mit der grossen Kelle anrühren und den Fansipan (3143m) besteigen, den höchsten Berg Indochinas. Der Preis und die Witterung liessen uns das Vorhaben überdenken und stattdessen buchten wir eine Zweitageswanderung bei Sapa O’Chau. Sapa O’Chau wird von Hmong, einer der ethnischen Minderheiten in dieser Gegend geführt. Die Organisation bietet verschiedene Wander-Touren mit Hmong Führerinnen an. Mit ihrer Arbeit unterstützen sie die Hmong Gemeinschaft auf zwei Arten:

  • Sie bilden weibliche Hmong zur Wanderführerinnen aus und geben ihnen eine Arbeit bzw. eine Ausbildung. Das Ziel: Die Frauen von der Strasse holen. Viele weibliche Hmong arbeiten nämlich als äusserst penetrante Strassenverkäuferinnen auf den Strassen von Sapa. Der Verkauf von handwerklichen Erzeugnissen wie Taschen und Kleider reicht aber bei Weitem nicht zum Leben. Vielmehr nerven sie die Touristen damit und schaden so dem Image der Hmong.
  • Die andere Unterstützung ist der Zugang zur Bildung. Mit dem „Gewinn“ können sie Jugendlichen aus den umliegenden, teils isolierten Dörfern eine Unterkunft in Sapa zur Verfügung stellen, damit sie die gleiche Ausbildung geniessen wie ihre vietnamesischen Altersgenossen.

Wer mehr wissen möchte, kann sich auf der Website von Sapa O’Chau informieren. Die Preise variieren je nach Gruppengrösse und sind ein bisschen höher als andere Agenturen. Diese sind aber meistens von Vietnamesen geführt. Eine weitere ähnliche Organisation, die auch einen Fansipan Trek anbietet, ist Sapa Sisters.

Das Trekking zu Hmong und Red Dao Minderheiten

1. Tag – 14km

Gestartet sind wir bei dichten Nebel und Regen. Viel von Sapa hatten wir deshalb gar nicht gesehen. Auch nicht die drei Hmong Frauen, die sich unerwartet unserer 5-er Gruppe anschloss. Was sie beim nächsten Halt von uns wollten, war natürlich klar. Unsere Führerin Su (21) hatte ihre Ausbildung erst vor sieben Monaten abgeschlossen. Ihre anfängliche Zurückhaltung und Unsicherheit war sicher darauf zurückzuführen. Oder es war der enorme Grössenunterschied; sie reichte uns bis zur Brust 😉

Sapa Wanderung 15

Der erste Blick auf die Reisfelder war noch vom Nebel getrübt. Abgeerntet entsprachen sie nicht unseren romantischen Vorstellungen, doch verlieh der Nebel ihnen eine gewisse mystische Aura. Der schlammige Weg führte uns in ein Dorf und an einer kleinen Schule vorbei. Alle Erstklässler der Region gehen hier zur Schule. Die kleinen Hände streckten sich uns bereits entgegen, als wir in den rauchigen Klassenraum eintraten. Ausländische Fremde bringen immer wieder Süssigkeiten mit, was eigentlich nicht gern gesehen ist. Mit Süsskram konnten/wollten wir nicht dienen und klatschten stattdessen ihre Hände ab. Das führte für verwirrte Köpfe, konnte das Tollhaus in dem kleinen Raum aber nur kurz unterbrechen.
Ein paar Fotos und eine kleine Spende in die prominent platzierte Box später balancierten wir über die schmalen Ränder der Reisfelder. Die farbenfroh gekleidete Hmong-Frauengruppe verliess uns in der Nähe ihres Dorfes, ohne gross Worte zu verlieren. Die Frauen hatten letztlich gemerkt, dass wir nichts kaufen würden.

Sapa Wanderung 26

Mittags assen wir in einer neu gebauten Holzhütte von Sapa O’Chau, die von einer Familie bewohnt war. Das Essen war sehr lecker und die Feuerschale ein willkommene Möglichkeit, unsere Glieder zu wärmen. Der allgegenwärtige Nebel transportierte die Kälte direkt in die Knochen.
Weiter ging es auf abwechselnd verschlammten und betonierten Wegen und vorbei an Hmong Siedlungen und brachen Reisfeldern. Schliesslich kamen wir ins Gebiet der Red Dao. Die traditionelle Kleidung der Frauen sieht man schon von weitem: eine rote Mütze. Der Kopfschmuck variiert in Aussehen und Form. Und die Kinder tragen eine verspielte Version mit Bommeln und Glöckchen, die irgendwie an Weihnachten erinnert.

Sapa Homestay 9

Unser Homestay lag in der Nähe eines grösseren Dorfs der Red Dao an einem Hang. Die Behausung wäre in der Schweiz wahrscheinlich als Scheune durchgegangen. Mit den Betonziegeln im Erdgeschoss und dem zweiten Stock aus Holz gehörte das Haus eher zu den luxuriösen Exemplaren. Einen Unterschied zur Aussentemperatur bestand drinnen aber nicht. Wir verbrachten deshalb den grössten Teil des Abends um die Feuerstelle herum. Nur für das Kräuterbad im Holzbottich bemühten wir uns weg vom Feuer. Das kochend heisse Wasser heizten die Gastgeber über dem Feuer auf; ein Knochenjob. Und uns heizte das Bad gehörig ein. Die Red Dao sind bekannt für ihre Kräuterkunde und so ist das Bad mit Kräutern ein Bestandteil jedes Homestays.

Zusammen mit unserer Gastgeberin – sie konnte kein Wort Englisch – rollten wir Frühlingsrollen oder sahen ihr meditativ beim Kochen zu. Das anschliessende Abendessen war ein starker Kontrast zu der kargen Behausung. Sehr üppig und extrem lecker.

Sapa Homestay 25

2. Tag – 10 km

Der zweite Tag versprach kürzer zu werden, also beeilten wir uns am Morgen nicht. Lieber spachtelten wir Pancakes mit frischen Bananen und streckten die Hände zum Feuer hin. Das Wetter war noch schlechter geworden als am Vortag und vermieste jegliche Sicht.

Sapa Wanderung 60

Das war sehr schade, wie wir auf der Strecke feststellen mussten. Die Aussicht wäre toll gewesen. So trotteten und schlitterten wir durch den Matsch und fühlten der gedämpften Stimmung nach. Das Mittagessen sorgte auch nicht gerade für gute Laune, nachdem die Katze das Hähnchenfleisch abgeleckt hatte. Den anderen beiden Gruppenteilnehmern verdarb es den Appetit, wir begnügten uns mit Suppe.

Die verdeckte Sicht lenkte den Fokus an diesem Tag mehr auf das Leben, dass die Leute hier führen. Bewunderung empfanden wir für sie, da trotz Strom und Zugang zu fliessend Wasser Annehmlichkeiten fehlten. Hart im Nehmen waren sie offensichtlich. Statt Wanderschuhen oder Gummistiefel trugen die meisten nur Sandalen und waren Barfuss. Äcker pflügten die Bauern mit Hilfe der Büffel. Stand kein Motorrad zur Verfügung, musste man halt zehn Kilometer laufen. Die Kinder wiederum spielten im Schlamm, als wären sie irgendwo am Strand und bestätigten uns so ziemlich alle Klischees, die man über arme Kinder in fernen Länder haben kann. Sie hatten natürlich immer eine Scheiss-Freude (an allem) und spielten mit Murmeln oder mit Reif und Stock. Dass der Mensch flexibel bei der Empfindung von Glück ist, wurde wieder mal deutlich.

Sapa Schule 5

Der Konsum von Luxusgütern wie Süssigkeiten, Chips und anderen Fertigprodukten hat sich als krasser Kontrast in das Setting von Natur und romantischer Vorstellung einer anderen Welt geschlichen. Besonders der Abfall ist als eine der Folgen sichtbar. Flüsse und Bäche sind vermüllt, Verpackungskonfetti säumt den Weg und Plastikschrott vermischt sich mit der ockerfarbenen Erde. Es schmerzt uns, weil wir mit der Vorstellung von reiner Natur und ursprünglicher Landwirtschaft gekommen waren. Wieso sollten sich diese Menschen aber von den Vietnamesen unterscheiden? Die Ich-werf-Abfall-auf-den-Boden-Mentalität herrschte auch hier in den Bergen. Die Problematik lässt sich ja auf grosse Teile Asiens ausweiten. Für mich ist das Abfallproblem hier oben zu einem auf die fehlenden Entsorgungsmöglichkeiten (ausser Verbrennen) zurückzuführen und als Resultat eines Zusammenpralls zwischen Moderne und Isolation zu sehen. Es ist zu hoffen – für die Menschen und ihre Umwelt – dass die Leute mit zunehmender Bildung dieser Probleme gewahr werden. Verseuchtes Wasser und irreparable Schäden wirken sich am Stärksten auf sie selber aus.

Als wir die Hauptstrasse erreichten, wären wir gerne noch weiter gelaufen. Trotz des Wetters war die Wanderung erfreulich, hatten wir doch einen spannenden Einblick in eine uns fremde Welt erhalten. Ein tolles Erlebnis, das uns zum Nachdenken anregte.

Tipps

  • Die Reisterrassen waren faszinierend schön, doch vor der Reisernte (August/September) wäre es noch ein bisschen eindrücklicher gewesen. Das typische Bild der leuchtend grünen Reisfelder hat sich zu sehr in unsere Köpfe geprägt. Die meisten Touristen kommen jedoch im Mai nach Sapa.
  • Beachte bei deiner Reiseplanung die Temperaturen. In der Nacht wird es im Winter unter fünf Grad und eine Heizung gibt es nicht. Wir schliefen mit drei Decken!
  • Unterstütze die Hmong und buche über Sapa O’Chau
  • Die Details zum Trekking gibt es hier

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2 Comments

  • Anne Braun sagt:

    Hallo ihr Lieben,
    wir sitzen gerade in unserem Homestay in Tavan nahe Sapa und haben mit viel Lachen euren Bericht gelesen. Er klingt nämlich so, als hätten wir ihn geschrieben, unsere Erfahrungen decken sich zu 100 Prozent. Wir sind ohne Guide unterwegs und sind gestern 16 km durch das Gebiet der Hmong gewandert,heute folgt ein Abstecher in das Gebiet der Roten Dao.
    Liebe Grüße
    Anne und Jan

    • Nadine sagt:

      Hallo Anne und Jan
      Wie toll! Es ist eine spannende Region – kulturell und landschaftlich. Ich hoffe, ihr könnt es geniessen, trotz der einen oder anderen nicht ganz einfachen Situation, die es ja auch mal geben kann ;o)
      Liebe Grüsse aus der Schweiz
      Nadine

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