Appalachian Trail – “Letzten Endes ist es nur der Wille, der zählt…”

Christian Hubo ist der Bart bzw. das Gesicht hinter dem Outdoor- und Reiseblog feel4nature. Als „Naturbursche“ hat er bereits tausende von Tauchgängen absolviert und ist unzählige Kilometer gelaufen. Im März 2015 nimmt er den Fernwanderweg Appalachian Trail im Osten der USA in Angriff. Wir haben Christian 15 Fragen zu seinem bevorstehenden Abenteuer gestellt.

Appalachian Trail

1. Es gibt zahlreiche Fernwanderwege überall auf der Welt. Die Big Three in den USA gehören sicher zu den bekanntesten. Wieso hast du dich für den Appalachian Trail (AT) entschieden?

Der Appalachian Trail ist mit Abstand der „einfachste“ Fernwanderweg in diesen Dimensionen – er ist durchgehend markiert, es gibt ausreichend Wasserquellen um seine Trinkwasservorräte aufzufüllen, alle paar Meilen gibt es Shelter (offene Unterstände) in denen man bei sehr schlechtem Wetter übernachten kann und alle paar Tage kommt man zumindest in die Nähe der Zivilisation um seine Vorräte aufzufüllen.

Zudem gibt es auf dem Appalachian Trail einen ganz besonderen „Spirit“ unter den „Thru Hikern“, der Zusammenhalt macht es einfacher mit den körperlichen und psychischen Herausforderungen einer solchen Wanderung umzugehen.

Trotz alledem führt der Appalachian Trail die meiste Zeit noch wirklich durch eine kaum berührte Wildnis, auch wenn es nur noch eine Art Korridor ist, der sich an der Ostküste der USA „entlang schlängelt“.

Das alles macht den Appalachian Trail zu einem idealen Fernwanderweg um seine Fähigkeiten auszubauen, um später auch noch größere „Abenteuer“ anzugehen.

2. Warum läufst du 3’500 Kilometer durch die Wildnis?

Ich persönlich stelle mir eher die Frage, warum Menschen ein Leben lang in monotonen Großstädten in ihrem tristen Alltag vor sich „hinwegetieren“ – auch wenn das sicherlich irgendwo unsere „Normalität“ darstellt, so halte ich dieses Leben eher für erklärungsbedürftig.

Bei unserer Wanderung geht es nicht um die Länge des Appalachian Trail, sondern ausschliesslich um die Zeit und Ruhe in der Natur. Gerade das relativ einfache Leben lässt uns Menschen spüren welche Bedeutung wir tatsächlich haben, dass wir uns häufig viel zu wichtig nehmen… es ist einfach eine tolle Erfahrung hautnah zu erleben, wie wenig wir doch brauchen, um wirklich glücklich zu sein.

3. 2013 sind du und deine Partnerin zum ersten Mal auf dem Appalachian Trail gewandert. Krankheitsbedingt musstet ihr bereits in den ersten Wochen aufhören. Hast du Angst, dass euch das gleiche wieder passiert?

Klar schiesst einem das „ab und an“ mal durch den Kopf, aber Angst haben wir deshalb nicht – warum auch, selbst wenn wir auch diesmal wieder aus irgendeinem Grund nicht den kompletten Appalachian Trail laufen können, dann versuchen wir es halt zu einem anderen Zeitpunkt einfach noch einmal.

Für uns ist letzten Endes der Weg das Ziel, auch wenn es natürlich toll ist, das Ziel des Appalachian Trail in Maine zu erreichen. Wichtig ist aber einzig und allein, dass wir versuchen, unsere Träume mit aller Macht zu leben…, dass es dabei auch Enttäuschungen und Rückschläge gibt ist doch völlig normal. Entscheidend ist nur, wie man damit umgeht, dass man sich betrampelt und es einfach wieder versucht.

Und da wir genau das tun, haben wir auch keine Angst davor, dass irgendetwas schief geht – das gehört einfach zum Leben dazu, wie jeder unserer Atemzüge.

4. Fernwandern ist ein Abenteuer. Es ist psychisch und physisch anstrengend. Hast du deine Grenzen schon mal erreicht, oder wo setzt du dein Limit an? Krankheit ausgenommen.

Das tolle an psychischen und physischen Limits ist die Tatsache, dass sich diese kontinuierlich erweitern lassen. Letzten Endes ist es nur der Wille, der zählt, dass weiß ich als ehemaliger Leistungssportler nur allzu gut.

Beim Fernwandern ist es in den meisten Fällen die psychische Grenze, die es zu überwinden gilt. Sicherlich ist die Dauerbelastung auch eine Herausforderung für den Körper und zweifelsfrei hinterlässt das Fernwandern auch körperlichen Spuren, aber entscheidend ist letzten Endes doch nur der Wille einen Fuss vor den anderen zu setzen.

Was mich persönlich angeht, so kann ich mit der Belastung sehr gut umgehen. Ich schöpfe meine Kraft aus der Ruhe und der Schönheit der mich umgebenden Natur. Zudem ist das Fernwandern für uns im allgemeinen kein Wettrennen, daher fordern wir uns zwar, genießen aber auch ausgiebige Pausen wann immer uns danach ist.

Appalachian Trail Blood Mountain 690px

5. Während des Appalachian Trails werdet ihr durch „Bear Country“ wandern. Das bedeutet mehr Vorsicht auf dem Trail und bestimmte Sicherheitsmassnahmen. Wie gehst du mit dieser Gefahr um?

Ganz ehrlich – das ist „Humbug“. Wenn überhaupt auf dem Appalachian Trail von irgendwelchen Tieren wirklich eine Gefahr ausgeht, dann sicherlich nicht von den Schwarzbären, sondern von Schlangen, Spinnen und in erster Linie von Zecken.

Angst habe ich davor aber nicht. Wenn man sich respektvoll verhält und eine gewisse Vorsicht an den Tag legt, ist die Gefahr die von Tieren auf dem Appalachian Trail ausgeht verschwindend gering.

6. Bereitest du dich dieses Mal – innerlich und planerisch – anders vor als vorher?

Das mag jetzt für den Ein oder Anderen enttäuschend sein, aber im Grunde bereiten wir uns nicht sonderlich auf die Wanderung auf dem Appalachian Trail vor.

Klar, wir machen uns Gedanken zur Ausrüstung, testen alles nochmal durch und machen auch mal eine kurze Probetour… aber das war es dann im „Großen & Ganzen“ auch schon.

Auch wenn die meisten bei dem Gedanken erschrecken 3.500 Kilometer am Stück auf dem Appalachian Trail zu laufen – so ist es im Grunde doch ganz einfach, man muss lediglich einen Schritt nach dem anderen machen, weiter nichts.

Wir haben zwar in den letzten Jahren auch etliche Wanderer kennengelernt, die bei Fernwanderungen alles bis ins kleinste Details durchplanen und schon vor dem Start genau wissen wollen wie viele Kalorien sie an Tag 67 zu sich nehmen und wo sie dann sein werden, aber aus unserer Sicht macht das den eigentlichen Reiz der Wanderung vollkommen kaputt. Zudem gehen solche Planungen in der Regel auch nicht auf.

Daher werden wir es ganz ruhig angehen lassen, uns Tag für Tag ein wenig steigern und ansonsten die Wanderung in vollen Zügen genießen.

7. Du setzt dich mit dem Thema Ultralight Backpacking auseinander. Das Gewicht auf einer Fernwanderung ist ein essentieller Punkt. Wo setzt du bei der Gewichtsminderung deiner Ausrüstung an?

Im Grunde ist Ultralight Trekking ein Zusammenspiel aus zwei Faktoren. Zum Einen geht es darum nichts mitzunehmen, was man nicht unbedingt braucht und zum Anderen kann man gezielt Ausrüstung kaufen, die möglichst leicht ist. Beides geht meistens mit einem Verlust an Komfort einher…

Am Anfang ist es relativ schwierig sich von den unnützen Dingen zu trennen, die man meint, unbedingt zu brauchen – aber ist das erst einmal geschafft, so löst gerade dieser Minimalismus förmlich ein Glücksgefühl aus. Es bringt Dich zudem auch menschlich weiter, wenn Du erkennst wie wenig man doch eigentlich zum Leben braucht und mit welch überflüssigen Dingen wir unsere Schränke füllen.

Neben dem Verzicht haben wir in den letzten Jahren auch durch die Optimierung unsere Ausrüstung noch einiges an Gewicht einsparen können – dazu gehören z.B. Rucksäcke die weniger als ein Kilo wiegen, ein Zelt das sich mit unseren Trekkingstöcken aufbauen lässt und daher auch nur knapp ein Kilo wiegt und Einiges mehr.

Allerdings betreiben wir die Gewichtsreduktion auch nicht fanatisch, es gibt auch „Hartgesottene“ die anfangen, den Stil der Zahnbürste zu kürzen, um nochmals 10 Gramm einzusparen – das ist nicht so unser Ding.

8. Wie viele Kilogramm (Basisgewicht + Lebensmittel) trägst auf dem Appalachian Trail mit dir?

Die „Basisausrüstung“ wird inkl. Rucksack um die 8 Kilo wiegen, da ist dann grundsätzlich alles drin, was ich für die Wanderung brauche – bis auf die Dinge die ich am Körper trage. Da wir ja zu zweit unterwegs sind, haben wir den Vorteil, dass wir einige Dinge nur einmal brauchen und diese zwischen uns aufteilen können.

Das Gewicht der Lebensmittel und Wasservorräte ist immer schwer einzuschätzen, dass hängt auch von der Länge der Etappe ab und wann man die Möglichkeit hat, seine Vorräte wieder aufzufüllen. Zudem verbraucht man die Lebensmittel ja mit der Zeit und damit wird der Rucksack kontinuierlich leichter.

9. Auf welche Dinge kannst du während des Appalachian Trails trotz des Gewichts nicht verzichten?

Mmmmh,…das ist wohl mein „aufblasbares“ Kissen. Ich könnte zwar auch einfach einen Packsack mit meiner Ersatzbekleidung als Kissen nutzen – aber das kleine Kissen ist mir „heilig“, da ich darauf besonders gut schlafe. Daher nehme ich das geringe Mehrgewicht hier gerne in Kauf…

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10. Wie und in welcher Form planst du, deine Leser über die Erlebnisse auf dem Appalachian Trail zu informieren?

Geplant sind regelmäßige Updates mit Bildern, Videos und News auf unserer Facebook Seite, Twitter und Instagram – um unseren Lesern & Fans einen möglichst realen und zeitnahen Einblick in unsere Erlebnisse zu gewähren.

Darüber hinaus möchte ich mindestens einmal im Monat einen ausführlichen Bericht über unsere aktuellen Erlebnisse auf unserem Blog veröffentlichen und dazu, wenn es unsere Zeit erlaubt, noch viele Tipps zum Wandern auf dem Appalachian Trail und Fernwandern im Allgemeinen.

11. Spricht der Einsatz von Smartphone, Social Media & Co. nicht gegen das Prinzip von Natur und Aussteigen?

Ach ja, diesen Einwand höre ich immer wieder und sicherlich ist da auch irgendwo ein Quäntchen Wahrheit dran, aber ich sehe keinen Grund, unsere Sehnsucht nach Zeit in der Natur und einem individuellen Lebensstil mit einem weltfremden Dogma zu verknüpfen. Zudem ist es tatsächlich so, dass ich privat voll und ganz auf Technik verzichten könnte… aber ich bin halt auch beruflich darauf angewiesen.

12. Was sind deine liebsten Wanderrouten abgesehen vom Appalachian Trail?

Es ist schon so, dass es uns gerade die Wanderrouten in den USA und Kanada ziemlich angetan haben – die scheinbar unendliche Weite und kaum berührte Natur macht bei uns dabei den besonderen Reiz aus.

Je weniger Infrastruktur und Menschen man auf dem Wanderweg antrifft, desto interessanter ist die Wanderung für uns.

Einige besonders schöne Wanderungen haben wir aber auch schon in Norwegen unternommen und das werden wir sicherlich auch noch einige Male wiederholen.

13. Möchtest du eines Tage die Tripple Crown (Big Three) auf deinem Haupt tragen?

Die „Triple Crown“ ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal – ich brauche keine „Preise“ als Belohnung für unsere Unternehmungen. Aber tatsächlich würden wir gerne nach dem Appalachian Trail auch noch der Pacific Crest Trail und den Continental Divide Trail laufen – aber ob das klappt, dass wird die Zukunft zeigen.

14. Eine weitere Leidenschaft und Profession von dir ist das Tauchen. Was ist dir lieber? Wandern oder Tauchen?

Da will und kann ich mich beim besten Willen nicht entscheiden, beides nimmt einen großen Bestandteil meines Lebens ein und das wird wohl auch so bleiben.

Letzten Endes ist es bei beiden dieser Leidenschaften das aussergewöhnliche Naturerlebnis, was für mich zählt, nirgendwo kannst Du die Schönheit und Anmut der Natur so intensiv erleben wie unter Wasser und weit draussen in der Wildnis – fernab der Zivilisation.

15. Welche Ratschläge gibst du Leuten, die auch eine Fernwanderung machen möchten?

Vor allem – es einfach zu machen, statt nur darüber zu reden und 1.000.000 Vorwände zu finden warum es jetzt gerade eben doch nicht geht. Wie ich schon sagte, im Grunde geht es nur darum einen Fuss vor den anderen zu setzen… das haben wir alle bereits als Kind gelernt.

Abgesehen davon ist es sicherlich von Vorteil, wenn man sich Ratschläge von erfahrenen Fernwanderern einholt. Gerade im Bezug auf Ausrüstung lassen sich so sicherlich eine Menge an typischen Anfängerfehlern vermeiden.

Appalachian Trail Sonnenuntergang 690px

Am 20. März 2015 starten Christian und seine Frau das Abenteuer “Appalachian Trail”. Ihre Erlebnisse kannst du auf www.feel4nature.com mitverfolgen.

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Möchtest du selber auch mal eine Fernwanderung machen? Oder hast du schon eine gemacht?

3 Comments

  • Harald sagt:

    Tolöer Artikel. Wünsche Christian und seiner Frau alles Gute für das Abenteuer. Werde es auf jeden Fall verfolgen.

    Liebe Grüße

    Harald

  • Fabian sagt:

    Hallo!

    Ich verfolge feel4nature.com schon einige Zeit, sehr schöne Lebenseinstellung und sehr schöner Blog! Danke für das Interview, werde die beiden bei ihrem AT-Abenteuer auf jeden Fall begleiten. Ich hoffe, dass dieses Mal bei den beiden alles gut geht!

    Irgendwann möchte ich selbst einmal den AT laufen, mal sehen wann ich es schaffe aus dem Alltag auszubrechen. Noch bin ich im Hamserrad gefangen, so wie es von Christian Hubo/feel4nature genannt wird.

    Lieben Gruß

  • Hanspeter sagt:

    Ja, Outdoor. Besser als alles andere. Aus meiner Sicht. Keine Bars voller Backpacker, wo einer cooler als der andere ist. Ich war noch nie Monate am Wandern, bin aber mehrmal in Regenwaldregionen Wochenlang unterwegs gewesen zb Roraima Tepui oder die Ruwenzori Berge im Zentrum Afrikas. Irgendwann werde ich den Pacific Cresta Trail begehen… Weiss aber noch nicht wann. Als nächstes will ich in den Kongo zum Nyiragongo. mal schauen was mich da so erwartet.

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